Mit dem Daumen reisen

February 17, 2014  •  Kommentar schreiben

Mit meinem Freund Bernd, der auch Volkers Freund ist – darüber hinaus selber Fotograf und Protagonist von Volker Gerlings erstem Daumenkino Mann mit Fotoapparat – war ich im Daumenkino. Volker begrüßt sein Publikum und hofft, die Entscheidung, an diesem Abend auf den Tatort verzichtet zu haben, möge sich lohnen. Tut es. Es wird ein vergnüglicher, sehr anregender Abend. Volker Gehrling ist Deutschlands einziger Daumenkinograph. Den Beruf musste er erst erfinden, um ihn ausüben zu können. Mit einer motorgetriebenen NIKON F3 belichtet er innerhalb von zwölf Sekunden 36 Bilder eines SW-Films. Die Fotos zieht er selber ab und heftet sie zu einem schmalen Büchlein, dem Daumenkino. An diesem Abend werden die Bilder auf eine Leinwand projeziert, während sie unter dem Auge einer Videocamera durch Volkers Daumen laufen. Dazu erzählt er von menschlichen Begegnungen, vom langsamen Reisen zu Fuß, von Zeit und Raum und von dem, was man nicht sieht. Der Abend steht unter dem Motto Bilder lernen laufen, indem man sie herumträgt. Und so heißt auch das Buch, das Voker Gerling über seine erste lange Wanderschaft geschrieben hat, die ihn im Sommer 2003 von Berlin nach Basel führte. Mit Rucksack, Zelt und einem Bauchladen, auf dem sechs Daumenkinos Platz haben, macht er sich seither immer wieder auf den Weg. Dabei trifft er auf Menschen, die sich ihm offenbaren und innerhalb weniger Sekunden ihm fast ein ganzes Leben schenken.

Wenn er Menschen ablichtet, entsteht eine ganze Serie von Bildern. Nicht nur eines. Die Kamera hört gar nicht mehr auf zu rattern und so kommen Überraschung, Verwunderung, Schock, Staunen, Erkenntnis und Freude zum Vorschein. Gefühle, die der Betrachter teilt. Vieles wird in den Gesichtern sichtbar, was herkömmlichen Porträts verborgen bleibt. Auch Orte fängt er mit der gleichen Technik ein, nur löst er dann in größeren Zeitabständen aus. So lässt er einen vollen Mond im Bogen über den Berliner Dom wandern, erlebt den Milleniumsjahreswechsel an einer abgelegenen Verkehrskreuzung im fernen Polen oder sieht einem Plattenbau beim einschlafen und aufwachen zu. Ein Fenster bleibt die ganze Nacht über erleuchtet. Die Daumenkinos fordern eben immer wieder auf, genau hinzusehen. Aus seinem Küchenfenster beobachtet Volker Gerling ein ganzes Jahr den Berliner Fernsehturm und stellt fest, das Wahrzeichen der Stadt ist gar nicht immer präsent.

Am beglückendsten sind seine Daumenkinos von Menschen. Und oft sind es auch die lustigsten. Der Film Fische fangen scheint das Vorurteil zu bestätigen, dass nur eines noch langweiliger als Angeln ist, Anglern beim Angeln zu zu sehen. Zwei Jungs sitzen am Ufer der Naab, zwischen sich eine Angel. Der inzwischen bekannte Überraschungseffekt der Daumenkinos lässt vermuten, dass auch diesmal etwas Witziges geschieht, dass während des Fotografierens z.B. ein Fisch anbeißt und die Angel in den Bach reißt. Doch es passiert 36 Bilder, zwölf Sekunden lang gar nichts. Die beiden Jungs rühren keine Miene und ein Fisch beißt auch nicht an. Vor der dritten Vorführung lenkt Volker die Aufmerksamkeit seines Publikums auf die Grashalme im Rücken eines der Jungen. Und tatsächlich, sie bewegen sich leise im Wind.

Trotz verpasstem Tatort gibt an diesem Abend dann doch noch eine Leiche. Eine Stubenflige überlebt die Vorführung eines Daumenkinos nicht, als sie zwischen die blätternden Seiten gerät.

Die Zuschauer werden die heute erlebten Bilder noch lange in sich herum tragen.

 

daumenkino


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